Beitrag · Folge 9

Warum du der KI Dinge erzählst, die du Menschen nicht sagst

Ein Mann, 39, mitten in einer Trennung. Jeden Abend schrieb er mit einer KI: Mache ich alles richtig? Bin ich gut genug für meine Kinder?

Zwei Frauen sitzen nebeneinander im Freien und schauen einander an. Eine legt der anderen die Hand auf die Schulter.
Folge 9 · Stand 01.09.2026 · Andrea Dubach

Das Wichtigste in 30 Sekunden

Und die KI hat ihm geholfen. Mitten in der Nacht, wenn sonst niemand erreichbar war.

Interessant ist die Begründung, die er einer Schweizer Zeitung genannt hat. Er ging nicht zur KI, weil sie so gut ist. Er ging, weil ihn der Weg zu einem Menschen zu viel Überwindung gekostet hätte. Er wollte niemandem zur Last fallen.

Das klang rücksichtsvoll, machte ihn aber einsam. Das hat mich zu der Frage gebracht, um die es hier geht. Was kann ein Mensch überhaupt noch, das eine KI nicht kann?

Das Gefühl, das den Mann aus der Zeitung zur KI geschickt hat, kenne ich selbst. Die Sekunde, bevor ich jemandem etwas Unangenehmes sage, ist bei mir immer dieselbe. Eine innere Unruhe. Der Magen zieht sich zusammen. Und zwei Stimmen: «Sag es endlich.» Und: «Mach dich nicht so angreifbar.»

Vielleicht kennst du das auch.

Forschende aus Freiburg und Heidelberg haben 492 Menschen persönliche Gespräche führen lassen, in denen sie etwas von sich preisgaben. Manche schrieben mit einem echten Menschen, manche mit einer KI. Und ein Teil wusste nicht, mit wem.

Das Ergebnis kommt aus dieser dritten Gruppe. Wer mit der KI schrieb und einen Menschen dahinter vermutete, empfand die meiste Nähe. Mehr als alle, die tatsächlich mit einem Menschen schrieben.

Sobald das Etikett «KI» dranstand, sank die wahrgenommene Nähe. Gleiche Antworten, gleiche Worte, nur nicht mehr dieselbe Wirkung.

Wie gelingt es der KI überhaupt, solche Nähe zu simulieren? Die Forschenden haben mitgezählt, wer wie viel von sich erzählt. Die KI redete deutlich mehr über sich als die Menschen, über Gefühle, die sie nicht hat. Und je mehr jemand von sich erzählte, desto näher fühlten sich die anderen.

Warum fällt es der KI so leicht, sich zu öffnen? Es kostet sie nichts. Dich kostet es eine Menge.

Wenn ein anderer sich öffnet, siehst du das Ganze: Da riskiert jemand etwas, er vertraut dir. Das findest du stark. Bei dir selbst ist es umgekehrt. Du machst dich verletzlich und siehst jede Einzelheit, die Stimme, die kippt, den einen Satz zu viel. Und du kommst dir schwach vor.

Ein Forschungsteam in Mannheim hat das gemessen: Was du bei anderen mutig findest, kommt dir bei dir selbst oft peinlich vor. Dabei finden die anderen dich meistens auch mutig. Nicht immer. Manche erzählen weiter, was du ihnen anvertraust, oder halten es dir später vor. Deshalb wägst du ab, wem du was erzählst.

Vor einer KI entfällt das Abwägen. Du kannst dich nicht blamieren, sie riskiert nichts, du riskierst nichts. Und das klingt zunächst nach dem besseren Geschäft.

Und viele lassen sich darauf ein. In den USA wurden junge Erwachsene zwischen 18 und 30 befragt. Jede siebte Person in einer Beziehung hat regelmässig nebenher eine zweite: einen Chatbot, der eine Partnerschaft spielt. Die meisten haben ihrem Partner oder ihrer Partnerin nicht alles davon erzählt.

Auffällig ist das Verstecken. Der Maschine erzählen sie viel, dem Menschen daneben nur einen Teil über die Maschine.

In derselben Schweizer Zeitung wie am Anfang steht noch ein zweiter Fall. Ein anderer Mann, Anfang vierzig. Vier Beziehungen sind gescheitert, und für ihn war klar, woran das lag: an den Frauen. Dann lud er sämtliche Chatverläufe hoch und fragte die KI, wer eigentlich das Problem sei.

Die KI blieb nüchtern. Nicht die Frauen waren das Problem, sondern er selbst. Sie zählte ihm auf, wo er Druck ausgeübt hatte.

Er sagt: «Ich traute meinen eigenen Handlungen plötzlich nicht mehr.»

Niemand sass daneben und sagte: «Ja, da ist was dran. Und ich halt es mit dir aus.»

Für mich ist das die unbequemste Stelle dieser Geschichte. Ehrlichkeit ohne jemanden, der danach bleibt, lässt dich an dir selbst zweifeln.

Jetzt denkst du vielleicht: Menschen bleiben doch auch nicht. Sie melden sich nicht mehr, sie verschwinden. Stimmt. Und deshalb bedeutet es etwas, wenn einer bleibt.

Ein Mensch könnte jederzeit gehen und bleibt trotzdem. Eine Maschine kann gar nicht gehen, ihr Bleiben bedeutet also nichts.

Und ein Mensch kommt auf das Thema zurück. Wird es dir zu unangenehm, schliesst du bei einer KI das Fenster, und sie fängt nie wieder davon an. Ein Mensch vergisst es nicht. Und wenn er dir wichtig ist, musst du dich dem Thema irgendwann stellen.

Bleiben und zurückkommen, beides fehlt bei einer KI. Ich nenne es das fehlende Danach.

Wie sich ein echtes Danach anfühlt, weiss ich.

Mich zu öffnen ist unbequem, ich komme mir nackt vor. Das kostet mich etwas. Aber danach ist die Luft geklärt. Zwei, drei Tage lang schwebe ich, als wäre ich frisch verliebt oder als wäre die Freundschaft doppelt so stark. Weil ich jetzt weiss: Der andere hat mich so angenommen, wie ich bin. Er bleibt, und er will mir helfen.

Nichts davon hat mir je eine KI gegeben.

Was folgt daraus für dich? Natürlich kannst du dir vornehmen, offener zu sein. Die Frage ist nur, bei wem sich das lohnt.

Bei manchen weisst du es schon. Sie sind gut mit dem umgegangen, was du ihnen anvertraut hast. Und sie sind geblieben, auch wenn sie anderer Meinung waren. Bei allen anderen tastest du dich heran. Und irgendwann kommt der Moment, in dem du es wissen willst. Hält die Beziehung, wenn ich ehrlich bin?

Verletzt zu werden gehört dazu. Aber wenn du dich nie öffnest, erfährst du auch nicht, bei wem eine Beziehung wirklich trägt.

Der Mann vom Anfang wollte niemandem zur Last fallen. Er hat nie erfahren, ob seine Familie ihn wirklich als Last empfunden hätte. Oder ob er weniger allein gewesen wäre.

Ich habe am Anfang gefragt, was ein Mensch noch kann, das eine KI nicht kann. Jetzt weisst du es: Er bleibt freiwillig, und er kommt auf das Thema zurück. Das ist das Danach.

Zwei Sachen zum Ausprobieren.

Nächstes Mal, bevor du der KI etwas Unangenehmes schreibst: Halt kurz an. Bereitest du ein Gespräch vor? Oder ersetzt du es?

Vorbereiten ist klug. Aber führ das Gespräch dann selbst. Die andere Person merkt, ob es dich etwas gekostet hat. Hast du niemanden, ist die KI die Brücke, bis du jemanden hast.

Und wenn dir jemand etwas Schweres erzählt: Bleib danach da. Mehr braucht es nicht.

«Ja, da ist was dran. Lösen kann ich das nicht für dich. Aber ich halt es mit dir aus.»

Sagen kann eine Maschine das auch. Beim Erzählen entsteht Erleichterung. Nähe entsteht erst danach. Wenn jemand bleibt und freiwillig ein Stück mit dir geht, obwohl es ihn etwas kostet.


Woher das kommt


Dieser Text ist die geschriebene Fassung von Folge 9 des YouTube-Kanals «Oxytocin – Humans beyond the loop» von Andrea Dubach.


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