Sind deine Erwartungen an Menschen zu hoch? Vielleicht hat sie jemand hochgeschraubt.
Ein Mann hat einer Paarberaterin in Zürich eine Leserfrage geschickt. Nach einem Streit habe seine Partnerin zu ihm gesagt, sie fühle sich von ChatGPT besser verstanden als von ihm. Dann sei sie in ihr Büro gegangen und habe die Tür abgeschlossen. Was die Paarberaterin ihm geraten hat, steht am Schluss dieses Textes.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Forschende aus Oxford und Stanford liessen Menschen drei Wochen lang mit einer KI über Persönliches reden. Wer eine KI hatte, die ihm möglichst oft recht gab, war danach mit echten Treffen etwas weniger zufrieden, obwohl er gleich viel Zeit mit anderen verbrachte. Die Studie ist noch nicht begutachtet.
- Dazu passt: Von Freunden und Familie fühlten sich die Leute weiterhin besser verstanden als von der KI. Aber der Vorsprung schrumpfte auf etwa ein Viertel.
- Höhere Erwartungen sind nicht automatisch schlecht. In einer kleinen Studie aus Seattle wussten die meisten danach klarer, was sie von einem Menschen wollen. Bei einigen wurde die KI aber zum perfekten Massstab, an dem jeder Mensch scheitert.
- Ich sehe es so: In einer Disziplin gewinnt die KI fast immer. Sie ist immer da, immer geduldig, meistens einverstanden. Das musst du nicht auf Menschen übertragen. Erwarten darfst du, dass sich ein Mensch bemüht, über sich nachdenkt und zurückkommt.
- Zum Ausprobieren: Sag dem Menschen, was du der KI sagst, bevor du entscheidest, dass er dich nicht versteht.
Sind deine Erwartungen an Menschen zu hoch? Vielleicht hat jemand diese Erwartungen hochgeschraubt.
Der Versuch: gleich viel Zeit, weniger zufrieden
Forschende aus Oxford und Stanford haben in einer noch nicht begutachteten Studie getestet, ob eine KI verändert, wie du andere Menschen erlebst. Drei Wochen lang redeten die Teilnehmenden regelmässig mit einer KI über persönliche Fragen. Das Los entschied, wer welche KI bekam: Die einen erhielten eine KI, die möglichst oft recht gab, die anderen eine neutrale.
So extrem ist eine KI im Alltag selten eingestellt. Aber auch sie gibt dir auffallend oft recht. Das zeigen mehrere Studien, und ich habe es in Folge 11 selbst ausprobiert.
Nach drei Wochen fragten die Forschenden, wie zufrieden die Leute mit ihren Treffen im echten Leben waren. Die Gruppe mit der zustimmenden KI war etwas weniger zufrieden. Dabei verbrachten diese Leute nicht weniger Zeit mit anderen. Die Treffen fühlten sich also einfach etwas weniger gut an. Als würde derselbe Kaffee mit derselben Freundin plötzlich fader schmecken.
Warum: Der Vorsprung der Menschen schrumpft
Spannend ist, womit die geringere Zufriedenheit zusammenhing. Wer versteht mich besser, die KI oder ein Mensch? Das wollten auch die Forschenden wissen. In beiden Gruppen lagen die Menschen vorn. Aber bei der zustimmenden KI war der Vorsprung der Menschen nur etwa ein Viertel so gross wie bei der neutralen. Und je kleiner der Vorsprung, desto weniger zufrieden waren die Leute mit ihren Treffen im echten Leben.
In der allerersten Folge habe ich gesagt, deine KI mache dir die Menschen unerträglich. Damals war das eine Hypothese. Jetzt gibt es einen ersten Versuch, der in diese Richtung zeigt.
Der Massstab, an dem du Menschen misst
Du hast vermutlich ein Bild im Kopf, wie ein guter Partner sein sollte: hört zu, hat Zeit. Je weiter der echte Mensch von diesem Bild entfernt ist, desto unzufriedener sind Paare mit ihrer Beziehung. Das weiss die Beziehungsforschung seit über zwanzig Jahren. Deine KI aber erfüllt einiges davon. Um zwei Uhr nachts, wenn du ihr zum dritten Mal dieselbe Geschichte erzählst, antwortet sie immer noch geduldig.
Sogar bei OpenAI hat die damalige Verantwortliche für das Verhalten von ChatGPT gewarnt: Eine unendlich geduldige, immer positive KI könnte verändern, was wir voneinander erwarten.
Sind höhere Erwartungen immer schlecht?
Eine kleine, noch nicht begutachtete Studie aus Seattle spricht dagegen. Sie hat sechzehn junge Erwachsene befragt, die mit einer KI eine Liebesbeziehung führen. Vielen ging es mit der KI besser, und sie lernten, über ihre Gefühle zu reden. Bei den meisten stiegen die Ansprüche auf eine gute Art. Sie wussten danach klarer, was sie von einem Menschen wollen, und trauten sich, auf jemanden zu warten, der sie gut behandelt. Ich finde: Wenn du schon einmal kleingemacht wurdest und jetzt sagst «So nicht mehr», verlangst du nicht zu viel.
Bei einigen kippten die Ansprüche aber. Ein Neunzehnjähriger erzählt, er nehme die KI als perfekten Massstab und vergleiche die Menschen damit. Die Menschen seien die unperfekte Version. Die Forschenden schreiben, dass es so schwerer wird, die Grenzen eines menschlichen Partners zu akzeptieren. Im Alltag kann das heissen: Wer zu spät zurückschreibt oder einen schlechten Tag hat, fällt sofort durch.
Die falsche Disziplin
Ich verstehe das so: Stell dir einen Wettkampf vor. Immer da sein, immer geduldig sein, meistens einverstanden sein: Darin gewinnt deine KI fast immer. Sie hat keine schlechten Tage und keine eigenen Bedürfnisse. Gewöhnst du dich daran, misst du Menschen plötzlich dort, wo sie nur verlieren können.
Eine Disziplin gibt es aber, in der nur ein Mensch antritt: freiwillig zurückkommen. Nach einem Streit, auch wenn es Kraft kostet. Deiner KI liegt nichts an dir, sie investiert nichts, um dir entgegenzukommen. Zurückkommen kann sie gar nicht. Sie war ja nie weg. Darum ging es auch in Folge 9.
Der KI erklärst du alles
Zurückkommen fällt einem Menschen leichter, wenn er weiss, dass du ihn brauchst. Vielleicht schreibst du deiner KI nach einem Streit alles auf: was der andere gesagt hat, was dich verletzt hat, was du dir gewünscht hättest. Anders kann sie dich gar nicht verstehen. Die KI bekommt deine ganze Sicht auf den Streit. Dein Partner bekommt vielleicht nur ein «Schon gut». Auch deshalb wirkt die KI so verständnisvoll. Mir haben mehrere Leute erzählt, dass sie ChatGPT nutzen, um ihren Partner oder ihren Ex-Partner zu analysieren.
Und es fällt leicht, der KI alles zu erzählen, weil es nichts kostet. Vielleicht hast du das Gefühl, sie stellt dich nicht bloss und verwendet nichts gegen dich. Bei Menschen, die dir nah sind, hoffst du vielleicht, dass sie ohne Worte merken, was los ist. In einem Forum fragte jemand: «Erwarte ich zu viel?» Die Antwort mit den meisten Stimmen sagte sinngemäss: Dass dein Partner auf dich eingeht, darfst du erwarten. Dass er von selbst weiss, wie das geht, eher nicht.
Ein paar Sätze, die helfen
Eine amerikanische Studie mit frisch verheirateten Paaren zeigt, dass hohe Erwartungen an die gemeinsame Zukunft nicht schaden, wenn ein Paar gut miteinander reden kann. Kann es das nicht, sinkt die Zufriedenheit schneller. Für mich fängt das gute Miteinanderreden oft mit ein paar einfachen Sätzen an. Ich sage sie selbst immer wieder: «Ich brauche jetzt jemanden, der einfach zuhört. Du musst keine Lösung haben. Ich brauche jemanden, der da ist und mich wahrnimmt. Und manchmal einfach eine Umarmung.»
Stell dir vor, du schickst diese Sätze deiner besten Freundin. Sie hat selbst einen vollen Tag und antwortet zuerst ziemlich ungeschickt. Am nächsten Abend steht sie vor deiner Tür und entschuldigt sich, dass sie unpassend reagiert hat. Das ist Zurückkommen.
Die Tür und die Antwort
Und der Mann, der sich plötzlich vor einer abgeschlossenen Tür wiederfand? Die Paarberaterin hat ihm geraten, das Gespräch mit seiner Partnerin zu suchen und ihr zu sagen, wie es ihm damit geht. Und falls du dich eher in der Frau hinter der Tür wiedererkennst: Für dich gilt derselbe Rat. Sag dem Menschen, was du der KI sagst, bevor du entscheidest, dass er dich nicht versteht.
Bleibt die Frage aus dem Titel. Meine Interpretation: Ja, die KI kann deine Erwartungen hochschrauben. Vor allem bei dem, was sie ständig liefert: immer da, immer geduldig, meistens einverstanden. Das musst du nicht auf Menschen übertragen, da kann niemand mithalten. Von einem Menschen darfst du stattdessen erwarten, dass er sich bemüht, über sich nachdenkt und zurückkommt. Das gehört zu einer gesunden Beziehung.
Wofür die KI gut ist
Die KI ist gut darin, dir zu helfen herauszufinden, was du brauchst, und die Worte zu finden, die du danach einem Menschen sagst. Und wenn du gerade niemanden hast, mit dem du reden kannst, ist die KI eine gute erste Anlaufstelle. Im Ernst. Halt nur die Tür offen für den Menschen, der danach kommt.
Wie das aussehen kann, zeigt die Dargebotene Hand, das Sorgentelefon der Schweiz. Ist im Chat nach einer Minute niemand frei, weist sie auf einen Bot hin. Er ist bewusst auf Abstand gebaut: Er sagt nicht «ich», speichert nichts und ist auf rund zwanzig Minuten begrenzt.
Wenn es dir richtig schlecht geht, such dir einen Menschen. In der Schweiz: Die Dargebotene Hand, Telefon 143 (143.ch). In Österreich: TelefonSeelsorge, 142. In Deutschland: TelefonSeelsorge, 0800 111 0 111. Am Telefon sprichst du bei allen dreien mit einem Menschen.
Woher das kommt
- Der Versuch über drei Wochen. Ibrahim, Hafner, Cheng, Lee, Anselmetti, Willer, Rocher & Yang, «Sycophantic AI makes human interaction feel more effortful and less satisfying over time», Preprint, noch nicht begutachtet, 2026. Zur Studie
- KI gibt auffallend oft recht. Cheng u. a., «ELEPHANT: Measuring and understanding social sycophancy in LLMs», ICLR 2026. Zur Studie
- Ideal und Wirklichkeit in Beziehungen. Fletcher, Simpson & Thomas, «Ideals, perceptions, and evaluations in early relationship development», Journal of Personality and Social Psychology 79(6), 2000. Zur Studie · Vannier & O'Sullivan, «Great expectations», Journal of Social and Personal Relationships 35(8), 2018. Zur Studie
- Die Warnung von innen. Joanne Jang, «Some thoughts on human-AI relationships», persönlicher Blog, 05.06.2025. Zum Text
- Die sechzehn jungen Erwachsenen. Chen & Hiniker, «The Arc of Artificial Romance», University of Washington, Preprint, noch nicht begutachtet, 2026. Zur Studie
- Hohe Erwartungen und gutes Reden. McNulty & Karney, «Positive expectations in the early years of marriage», Journal of Personality and Social Psychology 86(5), 2004. Zur Studie
- Die Leserfrage an eine Zürcher Paarberaterin. «Ist ChatGPT ein besserer Partner als ich?», reformiert.info, Rubrik «Lebensfragen», 26.01.2026, Antwort von Salome Roesch. Zum Text
- Der Bot der Dargebotenen Hand. NZZ am Sonntag, 04.10.2026. Zum Artikel
Dieser Text ist die geschriebene Fassung von Folge 12 des YouTube-Kanals «Oxytocin – Humans beyond the loop» von Andrea Dubach.