Beitrag · Folge 7

Plötzlich antworten alle mit KI. Und das Thema stirbt.

Wenn plötzlich alle mit KI-Antworten kommen, stirbt das Gespräch. Und niemand merkt, dass er gerade aufgegeben hat.

Eine Person sitzt vor einem Laptop und stützt den Kopf in die Hand, das Gesicht abgewandt. Daneben liegt ein vollgeschriebenes Notizbuch.
Folge 7 · Stand 01.09.2026 · Andrea Dubach

Das Wichtigste in 30 Sekunden

Montag, Sitzung. Es geht um etwas, das wirklich zählt, eine neue Initiative, oder wie ihr nächstes Jahr arbeitet. Zwei Leute sind sich nicht einig. Es wird unangenehm, man spürt die Spannung im Raum. Dann ist die Zeit um.

Mittwoch kommen die Antworten per Mail. Perfekte Folien. Eine saubere Zusammenfassung. Drei nummerierte Argumente. Und du siehst dem Text sofort an, dass eine KI mitgeschrieben hat.

Jemand hakt trotzdem nach. Und kriegt die nächste KI-Antwort zurück. Doppelt so lang.

Ab da liest niemand mehr richtig. Nicht aus Desinteresse. Es klingt einfach so umfassend, dass du gar nicht mehr findest, wo du einhaken sollst.

Und da ist es, das Gefühl, um das es heute geht. Es ist kein Ärger. Es ist Ohnmacht: Was soll ich da noch machen, lohnt es sich überhaupt. Die Mails werden weniger. Und irgendwie hoffen alle, dass die anderen es verstanden haben. Oder dass jemand anders es löst.

Freitag: Stille. Und ein diffuses Gefühl, dass nichts wirklich gelöst ist. Jeder denkt immer noch dasselbe wie am Montag.

Wenn du die Leute fragst, was das war, sagen sie: Ich bin gerade etwas KI-müde.

Ich glaube, «müde» ist das falsche Wort. Müdigkeit geht weg, wenn man schläft. Das hier nicht.

Und es kommt noch etwas dazu. Sobald die erste perfekte KI-Antwort im Mailverlauf steht, entsteht ein Folgedruck: Du kannst nicht mehr mit drei Sätzen antworten. Du müsstest jetzt auch liefern: genauso schnell, genauso sauber, genauso kompetent. In dem Moment vergleichst du dich mit einer Maschine, statt mit einem Menschen zu reden. Diesen Vergleich kannst du nur verlieren.

In dieser Sitzung sind alle ausgestiegen, statt dranzubleiben. Nacheinander, leise. Jeder in dem Moment, in dem er dachte: Da nochmal reinzugehen kostet mehr, als ich gerade habe.

Zuhause läuft es genauso. Du erklärst einer Freundin etwas, das dir wichtig ist. Sie versteht es nicht. Du könntest nochmal ansetzen. Stattdessen sagst du: Ist auch egal, und tippst es abends in die KI, die dich sofort versteht.

Beide Male derselbe Moment: der zweite Anlauf, der immer seltener wird.

Warum merkt das keiner? Weil wir dazu neigen zu denken: Was anstrengend ist, bringt nichts. Dabei ist das Unbequeme oft genau der Ort, an dem wir am meisten lernen.

Elizabeth und Robert Bjork, zwei Lernforschende in Kalifornien, haben das untersucht. Zwei Gruppen üben denselben Stoff, die eine bequem, die andere mühsam, alles kreuz und quer. Die mühsame Gruppe lernt mehr. Fragt man dieselben Leute hinterher, sagt die Mehrheit das Gegenteil: Die bequeme Methode habe mehr gebracht.

Und jetzt kommt es. Die Forschenden hatten ihnen das vorher gesagt, dass Menschen genau das falsch einschätzen. Sie haben genickt. Und blieben trotzdem bei ihrem Gefühl: Bei mir ist das anders.

Anstrengung fühlt sich an wie Scheitern. Mühelosigkeit fühlt sich an wie Können. Beides täuscht.

Deshalb hat sich in der Sitzung das Aufhören nicht nach Aufgeben angefühlt. Sondern nach vernünftig.

Und jetzt kommt das Gute: Was du für einen Charakterzug hältst (dranbleiben können oder eben nicht), ist gar keiner. Es ist etwas, das man übt.

Ehrlich auf sich selbst schauen. Dranbleiben. Nähe zulassen. Konflikte aushalten. Diese vier Fähigkeiten heissen in der Psychologie zusammen: emotionale Intelligenz.

Zwei Forschende in den USA haben 2019 insgesamt 58 Studien ausgewertet, in denen Menschen emotionale Intelligenz trainiert haben. Über alle hinweg dasselbe Ergebnis: Sie lässt sich lernen.

Emotionale Intelligenz ist also kein Talent, sondern ein Handwerk. Und ein Handwerk lernst du nicht, wenn es auf Anhieb klappt. Du lernst es beim zweiten Anlauf, wenn du nicht zurückweichst, sondern in einer unbequemen Situation selbst nachhakst, statt dir die Argumente von der KI abnehmen zu lassen.

Eins ist mir wichtig, und es kommt von den beiden Lernforschenden selbst: Schwierigkeit hilft nur dem, der ihr gewachsen ist. Wenn du am Ende bist und dir die Worte fehlen, ist die KI keine Abkürzung, sondern eine Stütze. Dafür ist sie grossartig.

Die Frage ist also nicht, ob du KI nutzt. Sondern warum: weil du wirklich nicht weiterkommst, oder weil du dir den zweiten Anlauf sparen willst.

Und wenn du ein Team führst, entscheidest du das nicht nur für dich. Kurzer Einschub also für die Führungskräfte, wenn du keins führst, erkennst du dich vielleicht auf der anderen Seite wieder.

Das Weltwirtschaftsforum fragt jedes Jahr über tausend grosse Firmen, welche Fähigkeiten bis 2030 wichtiger werden. Ganz oben stehen die technischen Fähigkeiten. Direkt danach kommt genau das hier: dranbleiben, wenn etwas nicht sofort geht. Für Technik hast du ein Budget. Fürs Dranbleiben nicht.

Und genau das räumst du oft weg, aus Hilfsbereitschaft, oder weil es schnell gehen muss. Jemand kommt mit einem ungelösten Problem, du hast wenig Zeit, du lässt die KI eine saubere Antwort schreiben und schickst sie zurück. Nett gemeint, und weg ist der Moment, in dem diese Person besser geworden wäre. Oder die Gelegenheit, einander wirklich zu verstehen.

Diese Woche also: nicht die Lösung geben. Eine Viertelstunde geben. Und danach fragen, wie weit die Person gekommen ist.

Und für dich selbst, ob mit Team oder ohne: eine einzige Sache. Diese Woche gehst du einmal den zweiten Anlauf.

Ein Gespräch, das du abgebrochen hast, machst du nochmal auf. Oder eine Frage, die du der KI gestellt hast, stellst du stattdessen einem Menschen. Einmal reicht. Vielleicht braucht das ein bisschen Überwindung, der einfachere Weg ist ja immer noch da.

Denn Dranbleiben ist die Bedingung für alles andere. Du kannst dich mit niemandem versöhnen, wenn du vorher gehst. Du löst kein Problem, wenn du nicht mehr fragst.

Was du gewinnst, ist unspektakulär und ziemlich gross: Du setzt noch einmal an. In der Sitzung. Im Gespräch. Bei dem Menschen, der dich beim ersten Mal nicht versteht.



Woher das kommt


Dieser Text ist die geschriebene Fassung von Folge 7 des YouTube-Kanals «Oxytocin – Humans beyond the loop» von Andrea Dubach.


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