Beitrag · Folge 6

Ich hab gemerkt: Das war die KI, nicht du.

Ihr streitet, über WhatsApp, über Mail, ganz egal. Mitten im Schreiben kommt eine Antwort: ruhig, druckreif, jeder Punkt sauber widerlegt. Und irgendwas in dir stutzt. Das klingt nicht nach deinem Gegenüber.

Ein Mann sitzt am Tisch, schaut auf sein Handy und runzelt die Stirn. Neben ihm steht eine Kaffeetasse, hinter ihm ein helles Fenster.
Folge 6 · Stand 01.09.2026 · Andrea Dubach

Das Wichtigste in 30 Sekunden

Du hast recht damit. In einem grossen deutschsprachigen Forum erzählen das gerade sehr viele Menschen, immer derselbe Moment: Man merkt am Ton, dass da nicht das Gegenüber geschrieben hat, sondern dessen KI. Über tausend Menschen stimmen einem einzigen Beitrag zu. Der Ton ist überall derselbe: Es stört sie nicht, dass es technisch geht. Es kränkt sie, dass der andere nicht mehr selbst nach Worten gesucht hat.

Das passiert am häufigsten da, wo es unbequem wird: mitten im Streit. Was macht das mit dir? Du fragst dich: Nimmt der andere sich überhaupt noch Zeit für mich? Interessiert ihn das hier wirklich? Und die Lust, weiter zu diskutieren, sinkt.

Bevor wir weitermachen: zwei faire Einwände.

Erstens, aus einem ganz anderen Forum, in dem jemand heutige KI-Nutzung für peinlich erklärt: Die Mehrheit wehrt sich dagegen, mit dem Taschenrechner-Argument. Für peinlich erklärt wurde schon jedes neue Werkzeug: der Taschenrechner. Google. Das Fotografieren statt Erinnern. Und damit hat diese Mehrheit recht.

Zweitens, sogar in dem Thread von eben: Mehrere weisen von sich aus darauf hin, wenn eine Antwort von der KI stammt und noch ungeprüft ist: Vorsicht, nicht verifiziert. Niemand findet das schlimm. Einer schreibt, in Krankheitsphasen könne er ohne KI gar nicht verständlich schreiben. Auch das: völlig legitim.

Der Unterschied ist nie die KI selbst. Der Unterschied ist, ob du dazusagst, dass sie mitgeschrieben hat.

Wie tief das reicht, zeigt eine Studie von diesem Jahr. Sie schaut nicht auf den Streit im Chat, sondern auf etwas Grundsätzlicheres: Was passiert, wenn Menschen anfangen, mit einer KI zu reden wie mit einem Begleiter? Ein Forschungsteam hat zwei Jahre Reddit-Daten ausgewertet, dieselben Menschen davor und danach, verglichen mit einer Kontrollgruppe. Dazu achtzehn ausführliche Interviews.

Das Ergebnis ist nicht eindeutig. Bei denen, die anfingen, so mit der KI zu sprechen, zeigen sich in der Sprache zwei gegenläufige Bewegungen: einerseits mehr Trauerarbeit und mehr Zuwendung zu anderen Menschen. Andererseits mehr Sprache über Einsamkeit, Depression und Suizidgedanken. In den Interviews erzählen unterschiedliche Menschen zwei ganz verschiedene Geschichten: Die einen sagen, die KI sei ihr Trockenlauf gewesen, bevor sie sich ein echtes Gespräch zutrauten. Andere sagen offen: Genau die KI hat sie vom echten Menschen ferngehalten. Die Forschenden selbst sagen es so: Nicht die KI macht den Unterschied. Sondern, ob du sie als Werkzeug nutzt, oder als Ersatz für einen Menschen.

Aus Österreich gibt es dazu die erste grosse Zahl aus unserem Sprachraum: fünfhundert repräsentativ befragte Jugendliche, elf bis siebzehn Jahre alt. Jede vierte führt mit einer KI freundschaftliche Gespräche. Je nachdem, wo du gerade stehst, ist das schon deine eigene Generation, oder die, die gerade nachkommt. Nicht weil ihnen echte Beziehungen fehlen. Weil es bequemer ist.

Und jetzt der Kern. Die Kränkung, die du spürst, wenn dir jemand die KI antworten lässt, ist keine Empfindlichkeit. Sie ist eine zutreffende Wahrnehmung. Da fehlt wirklich etwas.

Und es fehlt nicht nur dem, der die Nachricht liest. In genau diesem Reddit-Thread schreibt jemand etwas, das mich nicht mehr losgelassen hat: Sie sei stolz auf ihren eigenen Diskussionsstil, gerade weil er nicht perfekt ist: nicht immer gleich verständlich, mit Rückfragen, mit Ecken und Kanten. Mit einer KI-Antwort, sagt sie, wüsste sie hinterher nicht mehr, ob sie das Argument wirklich selbst durchdrungen hat.

Das ist dieselbe Sache von zwei Seiten. Der eine spürt, dass die Anstrengung fehlt. Und der andere weiss am Ende selbst nicht mehr, ob er verstanden hat.

Nicht der Text kränkt dich. Die fehlende Anstrengung.

Wenn du ein Team führst: Genau diese Kränkung erleben auch deine Leute. Eine schwierige Nachricht kommt spürbar KI-geglättet, perfekt formuliert, kein Wort daneben. Und dein Team liest trotzdem: Hier hat sich niemand die Mühe gemacht.

Reibung führen heisst hier: Nicht die perfekteste Formulierung ist das Vertrauenssignal, sondern der sichtbare eigene Aufwand. Ein Team verzeiht einen holprigen Satz. Es verzeiht schwerer eine Nachricht, die klingt, als hätte sie niemand geschrieben, oder als wäre schon alles verstanden und halb gelöst.

Genau das erschwert die echte Diskussion: Klingt eine Nachricht schon fertig, sinkt die Motivation, sich nochmal reinzuhängen. Und KI-Sprache ist oft so butterweich, dass sie fast alles heissen kann. Dann fehlt sogar das Konkrete, an dem sich jemand reiben könnte.

Das kannst du konkret tun: Schreib den ersten Entwurf selbst, auch unperfekt. Die KI darf danach justieren, der Gedanke davor gehört dir.

Das heisst also: KI nutzen, ja. Aber wofür? Fürs Ausformulieren, fürs Justieren, für eine schnelle Struktur: genau darum ging's schon beim Taschenrechner-Argument vorhin. Dafür ist die KI oft besser als wir, und darüber reden zu Recht viele andere.

Der einzige Unterschied, der zählt: Kommt der Gedanke von dir, und justiert die KI nur die Form? Oder kommt der Gedanke von der KI, und du nickst nur ab? Im ersten Fall steckt dein Fingerabdruck noch drin, nur schöner verpackt. Im zweiten Fall fehlt er genau da, wo dein Gegenüber ihn sucht und erwartet.



Woher das kommt


Dieser Text ist die geschriebene Fassung von Folge 6 des YouTube-Kanals «Oxytocin – Humans beyond the loop» von Andrea Dubach.


Diese Folge ansehen  Alle Beiträge