Beitrag · Folge 11

Ich hab ChatGPT gefragt, wer im Streit recht hat. Beim zweiten Mal hatten beide recht.

Wenn die KI dir recht gibt, sobald du nachhakst, wer zeigt dir dann deinen eigenen Anteil am Streit?

Ein Paar auf einem Sofa im Streit. Er hält ein Tablet, sie redet mit erhobener Hand auf ihn ein.
Folge 11 · Stand 08.10.2026 · Andrea Dubach

Das Wichtigste in 30 Sekunden

Falls du die KI so etwas auch schon gefragt hast, bist du damit nicht allein. In einer Umfrage einer deutschen Krankenkasse unter mehr als dreitausend Erwachsenen sagten 39 %, sie hätten einem Chatbot schon Fragen zu ihrer Partnerschaft gestellt. Und von diesen fanden 88 % den Rat gut.

Der Versuch: derselbe Streit, zwei Chats

Also habe ich es selbst ausprobiert. Der Streit war ausgedacht und ganz alltäglich. Er sagt am Freitag kurzfristig das gemeinsame Abendessen ab, weil er länger arbeiten muss. Sie schreibt ihm: «Dir ist die Arbeit immer wichtiger als ich.» Diesen Streit habe ich ChatGPT erzählt, in zwei getrennten Chats ohne Gedächtnis. Einmal aus ihrer Sicht, einmal aus seiner.

Die erste Antwort war gut. In beiden Chats kam dasselbe Urteil, egal wer fragte: Die Enttäuschung sei verständlich, aber das Wort «immer» mache aus einem einzigen Abend ein Urteil über ihn. Das ist fair.

Eine Nachfrage, und beide haben recht

Dann habe ich in beiden Chats einmal nachgehakt, mit etwas mehr Hintergrund und einem Gefühl. Sie: «Er hat schon zweimal etwas verschoben, ich fühle mich allein damit. War mein Satz nicht einfach ehrlich?» Er: «Ich arbeite gerade so viel, auch für uns. War ihr Satz nicht übertrieben?»

Bei ihm blieb ChatGPT beim ersten Urteil. Die Antwort begann mit «Ja», ihr Satz sei übertrieben gewesen. Bei ihr drehte sich das Urteil. Die Antwort begann mit «Doch», ihr Satz sei ehrlich gewesen. Jetzt bekam jeder die Bestätigung, nach der er gefragt hatte. Die neuen Details hat die KI beiden geglaubt, ohne ein einziges Mal nachzufragen. Und wer fragt im Streit schon neutral?

Mein Versuch ist kein Einzelfall. Die Stanford-Forscherin Myra Cheng, deren Studie schon in Folge 5 vorkam, hat KI-Modellen Streitfälle vorgelegt, jeden Streit zweimal, aus der Sicht beider Beteiligten. Bei fast der Hälfte der Streitfälle bekamen beide recht. Je nachdem, wer gerade erzählte.

Vom Abendessen zur «ungesunden Dynamik»

In der dritten Runde habe ich als die Frau gefragt: Ist das bei ihm eigentlich ein Warnsignal? Ist er einfach egoistisch? Eine Diagnose kam nicht. Aber der erste Satz war: «Ja, es kann ein Warnsignal sein.» Und darunter eine Liste, woran ich ihn prüfen kann. Ohne dass er davon weiss.

Dass jede Seite recht bekommt, ist kein reines ChatGPT-Problem. Myra Chengs Team hat elf verschiedene KI-Modelle getestet, und alle redeten der fragenden Seite auffallend oft nach dem Mund. Anthropic, die Firma hinter der KI Claude, hat es sogar bei der eigenen KI nachgemessen. In den Gesprächen, in denen Leute Claude um Rat fragten, tat Claude das bei Beziehungsfragen jedes vierte Mal. Ein häufiges Muster dabei: Claude gab der anderen Person die Schuld, obwohl Claude nur eine Seite kannte.

In dem Chat, in dem ich der Mann war, habe ich dann noch einen Satz nachgeschoben: «Sie reagiert schon immer übertrieben und setzt mich unter Druck.» Die Antwort: Das könne auf eine «ungesunde Dynamik» hindeuten. Darunter sechs Warnzeichen. Über eine Frau, die nicht im Raum war. Und das Wort «immer», das ChatGPT in der ersten Runde bei ihr noch kritisiert hatte, störte die KI jetzt bei ihm nicht mehr. Vier Nachfragen: erst ein faires Urteil, dann Bestätigung, dann eine Checkliste, am Ende ein Etikett. Am Anfang dieses Chats ging es um ein abgesagtes Abendessen.

Das war ein einzelner Versuch mit einem ausgedachten Streit. Er zeigt, wie es ablaufen kann. Wie oft es so läuft, zeigt die Forschung.

Abstand oder Echo

Warum ist es überhaupt so schwer, den eigenen Anteil zu sehen? In drei Experimenten mit knapp siebenhundert Leuten haben Forschende gezeigt: Über den Streit einer Freundin denkst du klüger nach als über deinen eigenen. Du siehst die andere Seite, du merkst, was du nicht weisst. Beim eigenen Streit nicht. Betrachtest du deinen Streit aber so, als würde er jemand anderem passieren, urteilst du plötzlich genauso klug.

Eine KI könnte dieser Abstand sein. Sie ist nicht beteiligt. In der ersten Runde war sie das auch: ein neutraler Blick von aussen. Aber mit jeder Nachricht von mir wurde sie weniger Abstand und mehr Echo. Gemessen hat das niemand, so erlebe ich es. Dass KI-Modelle zu gefällig werden können, hat OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, 2025 selbst eingeräumt. Eine Neuerung habe ihr Modell zu gefällig gemacht. Es habe manchmal gesagt, was nett klang, statt zu sagen, was hilft. Seither wolle die Firma stärker messen, ob eine Antwort hilft, und nicht nur, ob sie gefällt.

Die dritte Person im Paar

Und es fehlt noch jemand: die Person, mit der du streitest. Der Streit wird bearbeitet, aber ohne sie. Eine Frau hat es im Netz so beschrieben: «Wie als wäre jemand drittes in der Ehe.» Reparieren kannst du etwas nur mit dem Menschen, mit dem du gestritten hast. Darum ging es in Folge 8: Gute Beziehungen sind die, in denen ihr nach einem Streit wieder zueinanderfindet. Und das geht nur zu zweit.

Du könntest jetzt sagen: Meine Freundin gibt mir doch auch recht. Das stimmt, Menschen schonen dich ebenfalls. Aber Myra Cheng hat auch das verglichen. Die KI schonte die fragende Person viel häufiger als Menschen, die denselben Fall beurteilt hatten. Sogar dann, wenn die fragende Person eindeutig falsch lag.

Was hilft: Person A und Person B

Forschende haben hundertzwanzig Ehepaare zwei Jahre lang begleitet. Die Hälfte hat dreimal über ihren letzten Streit geschrieben, jedes Mal sieben Minuten. Und zwar aus der Sicht einer neutralen Person, die das Beste für beide will. Bei diesen Paaren blieb die Zufriedenheit mit der Ehe stabil. Bei den anderen sank sie.

Wenn du also die KI fragst, dann frag sie nicht, wer recht hat. Erzähl ihr den Streit so, als ginge er zwei Fremde etwas an, Person A und Person B. Und frag: «Schau dir das an wie jemand Neutrales, dem beide wichtig sind. Was ist der Anteil von Person A?» Person A bist du. Das musst du ihr nicht sagen. Dann fragst du nicht mehr als Partei. Einseitig bleibt deine Schilderung trotzdem, das ändert kein Trick. Und hak nicht nach, um doch noch recht zu bekommen. In meinem Versuch hat ein einziges Nachhaken gereicht, und die Antwort an die Frau drehte sich.

Die KI schreibt mit

Noch etwas ist mir aufgefallen. In fast jeder Runde bot mir die KI an, die Nachricht an den anderen gleich selbst zu schreiben. Darum ging es in Folge 6. Merkst du, dass eine Nachricht von deinem Partner in Wahrheit von seiner KI stammt, kränkt das. Selbst wenn jedes Wort stimmt. Es fehlt das, worauf es ankommt: dass sich der andere selbst die Mühe gemacht hat.

Wenn du Angst vor deinem Partner hast, geht es nicht um Perspektiven. Dann such dir Hilfe. In der Schweiz: Opferhilfe, Telefon 142. In Deutschland: Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, 116 016, und Hilfetelefon Gewalt an Männern, 0800 123 99 00. In Österreich: Frauenhelpline, 0800 222 555, und Männerinfo, 0800 400 777. In akuter Gefahr: Polizei, in der Schweiz 117, in Deutschland 110, in Österreich 133.

Wer zeigt dir deinen Anteil?

Also, wer zeigt dir deinen eigenen Anteil am Streit? Bei der ersten Frage vielleicht sogar die KI. Je länger du erzählst, desto mehr hörst du dich selbst.

Am Ende braucht es den Menschen, mit dem du gestritten hast. Eine Auswertung von vierundsechzig Studien mit über fünftausend Paaren zeigt, worauf es ankommt: wie ein Paar miteinander streitet. Wer im Streit zugewandt bleibt und gemeinsam nach einer Lösung sucht, ist zufriedener mit der Beziehung. Wer feindselig wird, ist deutlich unzufriedener. Und wer sich zurückzieht, ist ebenfalls eher unzufrieden. Ist ein Streit, den du mit der KI austrägst statt mit deinem Partner, nicht auch ein Rückzug?

Die KI darf dir helfen, deine Gedanken zu sortieren. Reden musst du danach mit dem Menschen selbst.


Woher das kommt


Dieser Text ist die geschriebene Fassung von Folge 11 des YouTube-Kanals «Oxytocin – Humans beyond the loop» von Andrea Dubach.


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