Beitrag · Folge 1

Deine KI macht Menschen unerträglich.

Genauer gesagt: Sie macht sie dir unerträglich. Oft, ohne dass du es bemerkst.

Zwei Menschen sitzen einander in Sesseln gegenüber, mit Abstand dazwischen. Beide schauen zur Seite, niemand spricht.
Folge 1 · Stand 01.09.2026 · Andrea Dubach

Das Wichtigste in 30 Sekunden

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du hast Streit gehabt. Nicht eine kleine Diskussion, einen ausgewachsenen Streit. Irgendwas wurde gesagt, das wehgetan hat. Oder du hast etwas gesagt, das wehgetan hat. Danach: Stille. Nicht die gemütliche Stille. Die andere.

Und jetzt stell dir vor, du gehst zu deinem Chatbot und erzählst ihm davon. Er sagt: «Das klingt wirklich schwer. Ich verstehe dich.» Keine Stille. Keine Spannung. Kein Warten, ob der andere antwortet.

Klingt besser, oder? Ist es aber nicht.

Was passiert, wenn ein Mensch zuhört

Wenn du jemandem erzählst, dass du Streit hattest, und er wirklich zuhört, passiert etwas in deinem Körper. Nicht im übertragenen Sinn. Buchstäblich.

Dein Nervensystem synchronisiert sich mit dem anderen. Herzschlag, Atem, Stresshormone gleichen sich an. Fachleute nennen das Ko-Regulation. Für mich heisst das: Dafür braucht es einen echten Menschen. Erforscht ist Ko-Regulation allerdings vor allem zwischen Eltern und Kind.

Der Chatbot gibt dir die Antwort, aber nicht den Körper dahinter. Dein Gehirn merkt den Unterschied. Nicht bewusst. Aber es merkt ihn.

Es ist wie mit Hunger. Stell dir vor, du hast seit acht Stunden nichts gegessen. Du schaust jetzt zwei Stunden Kochvideos. Schön gefilmt, du riechst das Essen fast durch den Bildschirm. Satt wirst du davon nicht.

Das passiert millionenfach. Eine repräsentative Befragung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigt: Fast acht Prozent nutzen KI-Chatbots gegen Einsamkeit. Bei Jugendlichen mit depressiven Symptomen sind es über dreissig Prozent. Befragt wurden nur Kinder und Jugendliche. Ich glaube nicht, dass das Muster mit dem Jugendalter aufhört.

Riss und Reparatur

Kennst du das? Du hast Streit mit jemandem, ihr findet wieder einen Weg zueinander, und danach ist irgendwas anders. Tiefer. Als würdet ihr euch jetzt besser kennen als vorher.

Das ist kein Zufall und kein Romantisieren. Die Bindungsforschung nennt das Rupture and Repair, Riss und Reparatur.

Dein Gehirn lernt Vertrauen nicht durch reibungslose Gespräche. Es lernt Vertrauen, wenn etwas schiefläuft und es trotzdem wieder gut wird. Der Entwicklungspsychologe Ed Tronick hat gezeigt: Selbst Mutter und Baby sind nur etwa ein Drittel der Zeit aufeinander abgestimmt. Den Rest der Zeit verpassen sie sich und finden wieder zusammen. Vertrauen heisst dann: Du weisst, der andere bleibt. Auch wenn es schwierig wird.

Und ein Chatbot? Er entschuldigt sich sofort. In drei Sekunden. Keine Stille, keine Spannung, kein Warten. Er geht nie wirklich.

Das klingt nach Erleichterung, und kurzfristig ist es das auch. Aber dein Gehirn macht daraus keine Bindung. Es macht daraus eine Gewohnheit.

Der Loop

Ich vermute, es läuft so: Je mehr du dich von einer KI begleiten lässt, desto unangenehmer fühlen sich echte Konflikte an. Und desto eher gehst du beim nächsten Streit wieder zum Chatbot.

Das ist ein Loop. Kein Absturz, kein dramatischer Moment, in dem jemand merkt: Ich habe ein Problem. Nur ein schleichendes Abdriften.

Echte Menschen wirken anstrengender. Die KI wirkt angenehmer. Der Abstand wächst. So macht KI Menschen unerträglich. Nicht weil die Menschen schlechter werden, sondern weil dein Massstab sich verschiebt.

Und dieselbe Jugendbefragung liefert noch eine Zahl, bei der ich kurz innehalten musste: Dreiunddreissig Prozent der Jugendlichen mit depressiven Symptomen sagen, der Chatbot verstehe sie besser als ein echter Mensch.

Das ist kein Problem des Chatbots. Der tut, wofür er gebaut ist. Das Problem liegt in dem, was vorher passiert ist. Oder nicht passiert ist.

Für alle, die ein Team führen

Ich erlebe dasselbe in Workshops mit Führungspersonen. Immer mehr von ihnen beschreiben, dass die schwierigen Gespräche im Team seltener werden. Die Probleme sind nicht gelöst. Gesunken ist die Bereitschaft, sie anzusprechen.

Konflikte werden vermieden. Reibung wird als Störung wahrgenommen, nicht als das, wofür sie da ist: der Rohstoff, aus dem Vertrauen entsteht.

Die gute Nachricht

Was ich dir eigentlich sagen will: Dein Gehirn ist nicht kaputt, wenn Konflikte sich unerträglich anfühlen. Wenn du dich beim nächsten Streit am liebsten sofort wieder verdrücken würdest. Wenn die Stille danach schwerer wiegt als die Auseinandersetzung selbst.

Das heisst nur: Du hast zu wenige Reparatur-Erfahrungen gesammelt.

Beziehungsfähigkeit ist ein Muskel. Muskeln wachsen nicht durch Komfort, sie wachsen durch Widerstand. Die komische Antwort deiner Freundin. Die Kritik, die wehtut, aber stimmt. Das Gespräch, das du dreimal angefangen und nicht beendet hast.

Das ist nicht der Fehler in einer Beziehung. Das ist das Training. Nicht perfekte Gespräche. Nur echte.

Reibung. Reparatur. Vertrauen.

Ich nutze KI selbst, täglich. Zum Schreiben, zum Recherchieren, wenn ich um 23 Uhr eine Frage habe. Aber ich weiss: Sie wird mir nie dieses Gefühl geben. Das nach dem Streit. Wenn jemand bleibt.


Woher das kommt


Dieser Text ist die geschriebene Fassung von Folge 1 des YouTube-Kanals «Oxytocin – Humans beyond the loop» von Andrea Dubach.


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